Von Mantineia 362 bis heute

Nach der Niederlage in der Schlacht von Mantineia 362 endet die übliche Betrachtung Spartas. Es hatte sich aus dem Reigen der die Geschichte beeinflussenden Mächte verabschieden müssen. Aber natürlich existierte die Stadt weiter, versuchte ihr Schicksal weiterhin selbst in die Hand zu nehmen. Die Gesellschaft klammerte sich an die lykurgischen Vorschriften.

Mit den Jahrhunderten aber veränderte sich das Gemeinwesen immer stärker. Fundamentale Brüche, die mehrfach das städtische Leben insgesamt zum erliegen brachten, stellen eine Folge der Jahrhunderte europäischer Geschichte dar. Und schließlich gibt es die heutige Kleinstadt Sparti im modernen Griechenland. Der Weg dorthin ist das Thema dieses Abschnitts.

Von Mantineia 362 bis zur römischen Inbesitznahme

Nach der Schlacht von Mantineia versuchte Sparta weiterhin fieberhaft, seine alte Machtposition wieder zu gewinnen. Vor allem die Rückeroberung Messeniens war zentrales Anliegen spartanischer Politik, aber auch die abgelösten lakedaimonischen Perioiken sollten in den Staatsverband zurückgeholt werden. In dem auf Betreiben Epameinondas‘ neugegründeten arkadischen Megalopolis aber fand man einen ebenbürtigen Gegner, der einerseits Messenien stützte, andererseits militärisch stark genug war, Spartas gering gewordenen militärischen Möglichkeiten zu trotzen. Selbst erfolgreiche Bemühungen um Bundesgenossen brachten keinen Erfolg, da Megalopolis zuverlässig auf Argos, Theben und Messenien bauen konnte. Die Zahlungen Phillips II von Makedonien an traditionelle und neue Gegner Spartas führten mit den Jahren zur völligen Isolation Spartas, die nach dem 3. Heiligen Krieg um Delphi 346 offensichtlich war.

Umgekehrt schloss sich dann Sparta 340 dem Hellenenbund, der nun gegen Phillips Einflussnahme opponierte, nicht an. Nach der Niederlage des Hellenenbundes 338 bei Chaironeia marschierte Phillip bis nach Gytheion durch Lakedaimon. Er griff zwar die Stadt nicht an, löste aber bedeutsame Gebiete aus dem Staatsverband, z.B. übergab er u.a. die umkämpfte Kynuria an Argos, die Dentheliatis an Messene und die Skiritis an Tegea. Der Staat der Lakedaimonier war nun ganz auf die Landschaft Lakedaimon beschränkt. Ein Revisionsversuch unter Agis III. (Eurypontide) während Alexanders Persienfeldzug, scheiterte selbstredend. Man hatte weder zahlreiche Bundesgenossen, noch genug Geld für Söldner noch eine erfolgversprechende eigene Truppenstärke. Alexander hatte nicht viel übrig für das Aufmucken Spartas, so wenig, dass er es kaum bestrafte. Lediglich 50 Geiseln mussten gestellt werden. Die Kraft Spartas war ohnehin vorerst erschöpft. An dem Befreiungsversuch der Griechen 325 bis 322 nahm es nicht teil.

Im dritten Jahrhundert fühlte sich König Areus II. (Agiade) stark genug, mit einigen Bundesgenossen einen Aufstand gegen Makedonien zu wagen, der aber vorzeitig abgebrochen werden musste, da die Bundesgenossen sich dem König widersetzten (281). Er fiel dann um 265/264 bei Korinth, als der nächste Aufstandsversuch von den Makedoniern niedergeworfen wurde. Sein Sohn und Nachfolger Akrotatos fiel im nächsten Krieg gegen Megalopolis nur drei Jahre später.

Agis IV. (Eurypontide) versuchte durch gesellschaftliche Reformen, Sparta zunächst von innen zu stärken. Bei einem Feldzug gegen die in der Peloponnes eingefallenen Aitoler allerdings geriet er in eine Auseinandersetzung mit dem Anführer der stärksten peloponnesischen Macht der Zeit, dem Achaiischen Bund, was seine Gegner nutzten, um zu Hause gegen Agis zu agitieren und schafften seine Verurteilung und Hinrichtung (241). Der aitolische Bund seinerseits nutzte die Gelegenheit und plünderte auf seinem erfolgreichen Feldzug auch in Lakonien.

In einem weiteren Krieg um die peloponnesische Führungsrolle ging das durch gesellschaftliche Reformen vergrößerte spartanische Bürgerheer unter Kleomenes III. (Agiade) nach Erfolgen gegen Megalopolis und Argos 222 vor Sellasia gegen eine makedonische Eingreiftruppe unter und die Stadt wurde vom siegreichen Heer besetzt.

Der letzte spartanische König Nabis (Eurypontide) ummauerte die Stadt. Doch auch seine Bemühungen waren nicht vom Erfolg gekrönt. Er selbst wurde nach jahrelangem Ränkespiel mit mehrfachem Frontwechsel von einem verräterischen Trupp Aitoler ermordet. Sparta verlor seine Unabhängigkeit, indem es sich an den Achaiischen Bund anschließen musste, um sich zumindest der Aitoler zu erwehren. Um 188 mussten im Rahmen des Bundes die Reste der lykurgischen Ordnung zugunsten der Bundesordnung aufgegeben werden.

Trotzdem versuchte Sparta weiterhin, eine Art selbständiger Politik zu betreiben, um z.B. die Perioikenstädte und v.a. den Zugang zum Meer wieder zu gewinnen. Gegen diese Bestrebungen bildete sich um 150 der „Bund der Lakedaimonier“ aus den losgelösten Perioikenstädten, die sich gegen die militärischen wie diplomatischen Rückeroberungsbemühungen der Stadt Sparta wehrten. Nunmehr gab es zwei lakedaimoinische Staatswesen. Auch aus diesem Querelen heraus nahmen die Römer schließlich die Sache Griechenlands fest in die eigene Hand und 146 wurde Sparta eine civita libera im römischen Herrschaftsbereich: eine „freie Stadt“ mit eigener Verwaltung. Als solche wurden alte politische und kulturelle Bräuche teilweise wieder aufgenommen und die Stadt entwickelte sich allmählich zu einer Touristenattraktion mit gewisser kultureller Ausstrahlung.

Das römische Sparta

Im Reich der Römer erfuhr der spartanische Kosmos einerseits seine endgültige Auflösung, andererseits wurden einige Institutionen zumindest in veränderter Form beibehalten bzw. wieder eingeführt, nachdem sie in den Wirren der vorhergehenden Jahrhunderte verloren gegangen waren.

Die Römer lösten die Helotie als Staatssklaverei auf. Allerdings gab es die Möglichkeit, persönliche Sklaven zu erwerben und auf den Feldern zu beschäftigen. Das Institut der Könige blieb aufgelöst, nachdem die beiden Häuser ohnehin ausgestorben bzw. ausgerottet waren. In der Gerusia blieben somit 28 Plätze übrig. Davon besetzten 5 die Ephoren. Die Gerusia war nunmehr ein reines Ehrenamt ohne große politische Bedeutung und anscheinend gab es turnusgemäße Neuwahlen, die Lebenszeitmitgliedschaft war also aufgelöst. Das Ephorat blieb zwar bestehen, hatte aber stark eingeschränkte Befugnisse und stand mit einem ähnlich ausgerichteten Gremium, den Patronomoi, die Kleomenes III. eingeführt hatte, in Antagonismus. Schließlich wurde auch die Apella weiterhin abgehalten, sie hatte aber kaum Befugnisse. Wichtiger waren neugeschaffene Institutionen und Ämter, die keine Grundlage im alten Kosmos hatten.

Gesellschaftlich legten die Spartaner weiter großen Wert auf die Feststellung „etwas anders“ zu sein als die übrigen Griechen. Sie kehrten ihr Doriertum offensiv heraus, pflegten den alten Dialekt, der mittlerweile von der Weltsprache des Hellenismus, dem ionischen Dialekt, vollkommen überrundet war. Man hielt auch an der Agoge und den Syssitien fest, allerdings in gewandelter Form – wohl primär hin zum Bequemeren – und zeitweise war es im fernen Rom und in den führenden Schichten der griechischen Gesellschaft wieder chic, die Sprösslinge nach Sparta zu schicken, um sie dort erziehen zu lassen. Während der Römerzeit siedelten sich auch Juden in Sparta an und bereits spätestens im 2. Jh. gab es nachweislich Christen in der Stadt. Ein Schlusspunkt der Knabenerziehung allerdings dürfte kaum den römischen Jünglingen zugänglich gewesen sein, zumal er wohl eher als Maßnahme zur Förderung des Fremdenverkehrs zu gelten hat: die Geißelung der Knaben im Heiligtum der Artemis Orthia. Zur Bequemlichkeit der Zuschauer bei diesem dem römischen Geschmack anscheinend sehr zusprechenden Attraktion wurden sogar Sitzreihen im Halbkreis um den Schauplatz gebaut.

Sogar in dem außerordentlich eng gespannten Rahmen der außenpolitischen Betätigung als Teil des Römischen Reichs agierte Sparta weiterhin aktiv. Im römischen Bürgerkrieg stand es auf Seiten von Pompejus, wurde aber nach dessen Niederlage von Cäsar geschont und von seinen Erben gefördert. In die Schlacht bei Philippi 42 v.Chr. hatte Sparta 2000 Mann Truppen geschickt. Im Folgenden nahm die Stadt Partei für Octavian und stand bei der Seeschlacht von Actium 30 v.Chr. auf dessen siegreicher Seite. Sie erhielt dafür mehrere Ehrungen, z.B. in Form von Rückübereignung von Perioikenorten, der Insel Kythera und Orten in Messenien (21 v.Chr.). Es schloss im 2. Jh. „Freundschaftsverträge“ mit kleinasiatischen Städten, die selbstredend ohne praktische Relevanz waren. Zu Beginn des 3. Jahrhunderts strömten dem Kaiser Caracalla aus dem vom Kriegsdienst befreiten Sparta (welch Ironie) Freiwillige zu, aus denen zwei spartanische Einheiten für einen Partherfeldzug aufgestellt wurden.

Ab dem dritten Jahrhundert standen die Zeichen auf Sturm: 267/8 plünderten die Heruler Sparta. Eine Stadtmauer, die nur das engste Kerngebiet umschloss wurde im 3./4. Jh. errichtet. Im Jahr 395 kam die Katastrophe durch die Westgoten: Sparta wurde gründlich zerstört. Seit demselben Jahr gehört Lakonien durch die Reichsteilung zum Oströmischen bzw. Byzantinischen Reich.

Lakonien unter Slawen, Byzanz und Franken

Die alte Stadt in ihren römischen Ruinen war für einige Zeit Bischofssitz. Vom 6. bis 9. Jh. ist sie aus der Geschichte verschwunden. Seit 580 wanderten innerhalb des Byzantinischen Reichs in mehreren Wellen animistische Slawen auch nach Lakonien ein und bilden dauerhaft einen Teil der Bevölkerung. Die Griechen zogen sich in Lakonien in die Halbinsel Mani, auf den Felsklotz Monemvasia in der Malea und die Kynouria (Tsakonien) zurück, z.T. wanderten sie auch nach Unteritalien ab. Die Mani war nach den Slaweneinfällen von Byzanz abgeschnitten und „balkanisierte“ gesellschaftlich, d.h. sie verlor politisch höhere Zusammenhänge und Sippen bekriegten sich generationenlang.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts konnten die Byzantiner die Slawen entscheidend schlagen und begannen mit einer Regräkisierung der inzwischen weitgehend slawisch besiedelten Peloponnes. Dazu wurden Griechen aus anderen Gegenden angesiedelt bzw. die verbliebenen Slawen kulturell majorisiert. Jedenfalls hat in dieser Slawenzeit die Peloponnes mit Ausnahme der wenigen Rückzugsgebiete einen fundamentalen Bruch der griechischen Tradition erlitten. Unter Kaiser Nikephoros II wurde Sparta zu Beginn des 9. Jh. als Lakedaimone neu gegründet. Nikon Metanoeite (gest. 997), der ab 970 vorwiegend in Lakonien in der Slawenmission (v.a. im Taygetosgebirge) tätig war, wurde ein bedeutsamer Bischof von Sparta. Er gründete auch eine Basilika in der Stadt. 1082 wurde Lakedaimone Metropolitensitz.

Nachdem abendländische Kreuzfahrer 1204 Konstantinopel zweimal eroberten, plünderten und das Byzantinische Reich unter sich aufteilten, kam die Peloponnes als Morea an Venedig und war dann als Fürstentum Achaia, wenn auch in Venedigs Zugriff, unter einem fränkischen Adeligen selbständig. 1249 baute der französische Ritter de Villehardouin eine Burg auf einen steilen Berg westlich Spartas, das damals nur ein kleines Städtchen war. Das Land erlebte eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Die Männer des niederen fränkischen Adels und ihre Dienstmannen heirateten einheimische Frauen.

Kurz darauf konnten die wieder erstarkten Byzantiner die Franken wieder vertreiben und hatten ab 1262 die Landschaft wieder in ihrem Besitz. Die Bevölkerung von Sparta siedelte sich vor den Vergeltungszügen des Franken unterhalb der Burg de Villehardouins an, wodurch die Stadt Mistra entstand. In diesen Jahrzehnten wurden von den verschiedenen Herren wie Treibgut verschiedene Völkerscharen in Lakonien, Sparta und Mistra angesiedelt: Albaner, Türken, Kumanen, Bulgaren. Mistra lief Sparta für beinahe 600 Jahre den Rang ab, so war es Erzbistum des Partiarchats Konstantinopel und wurde von nahen Verwandten des jeweiligen Kaisers von Byzanz verwaltet.

Türken und Venedig in Lakonien

Aber schon 1460 eroberten die Türken Lakonien und hielten es lange Zeit fest in ihrem Reichsverband. Venedig hielt lediglich einige Brückenköpfe im Land, so die Insel Kythera und den Felsen von Monemvasia in ihrem Besitz. Die Manioten blieben stets weitgehend unabhängig, wenn sie sich auch der Einflussnahme der Osmanen nicht entziehen konnten, die die Kleinkriege innerhalb der Sippen förderten, um die Manioten von einheitlichem Vorgehen abzubringen. Immer wieder allerdings kam es zu Eskalationen, die aber nie in einer völligen Einverleibung der Mani endeten, so insbesondere im dritten Viertel des 17. Jahrhunderts.

Ende des 17. Jahrhunderts erobert und verteidigt Venedig ganz Lakonien für einige Jahre – Hauptort ist Monemvasia. Die Manioten kämpften zuerst auf der Seite Venedigs, machten dann einen Aufstand und erhielten Steuerfreiheit. Venedig füllte die dezimierte Bevölkerung mit Kretern, Chiern und anderen Griechen auf, bevor es sich wieder vor den Türken zurückziehen musste. Beim Feldzug der Türken rührte die ansässige Bevölkerung keinen Finger zugunsten ihrer christlichen Herren, die Landstädte ergaben sich freiwillig und sogar die Manioten leisteten kaum Widerstand. Sie bekamen denn auch von den neuen Herren nur einen symbolischen Tribut auferlegt.

Im Jahre 1770 unterstützten russische Truppen einen der Aufstände der Manioten und schritten zur Besetzung der Peloponnes. Bald aber gab es Reibereien zwischen den ungleichen Verbündeten, der Feldzug blieb ohne Erfolg. Als sich die geschlagenen russischen Truppen auf ihre Schiffe zurückzogen, ließen sie das Land dem Terror (Zerstörung von Mistra) von den Türken herbeigerufenen Albanertruppen, die sich festsetzten und bis 1780 wüteten.

Die Griechen und das moderne Sparta

Mit dem Freiheitskampf ab 1821 beginnt die Geschichte des modernen Sparta. Als Mistra 1825 von den Türken unbewohnbar gemacht wird, siedeln sich die überlebenden Einwohner in der Flussebene am Platz des alten Sparta an. Nachdem die Türkei 1829 die Unabhängigkeit Griechenlands anerkannt hatte, fand man in Otto von Bayern einen König, der 1832 ins Land kommt und in Erinnerung an romantisch verbrämte glorreiche Zeiten 1834 Sparta neu gründete und von einem bayerischen Stadtplaner in regelmäßiger Form anlegen ließ.

Die Manioten allerdings blieben auch nach der Unabhängigkeit unruhig, sie sprengten ihre (ehemaligen Piraten-)Schiffe in die Luft, um sie keiner Zentralgewalt ausliefern zu müssen und schreckten nicht vor Morden, auch an Politikern zurück. Insgesamt scheint es sich dabei aber nicht um politische Vorstellungen gehandelt zu haben, sondern schlicht die alten Sitten und der Wille keinerlei Instanz über sich zu dulden.

Das neue Sparta („Sparti“) bedeckt die südliche Zone der antiken Stadt und lässt damit den alten Zentralbereich der Polis um die niedrige Akropolis mit dem Tempelbereich der Athena Chalkioikos, dem Theater, den großen Platz mit der Skias usw. frei. Das Städtchen hat derzeit knapp 20000 Einwohner und ist der langweilige Hauptort des Bezirks Lakonien. Noch heute richten Erdbeben große Schäden an, so z.B. 1986, als das Stadthaus, eines der wenigen Gebäude, die aus dem ambitionslosen Einerlei modernen griechischen Städtebaus ein wenig herausragen, durch einen großen Riss durch die Fassade gezeichnet wurde. Ein lokales Museum bewahrt die wenigen für Touristen interessanten Artefakte auf, darunter den bekannten Torso des sog. Leonidas aus der Zeit nach den Perserkriegen.

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