Tanagra 457


Spartas Unvermögen, einen Sieg auszunutzen

Thukydides berichtet uns über eine große klassische Hoplitenschlacht zwischen den Truppen des Peloponnesischen Bundes und seinen damaligen Gegnern um Athen. Die Schlacht fand um 457 im südlichen Boiotien bei der Stadt Tanagra statt. Es ist das erste große Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten Athen und Sparta und es zeigt die Stärken und Schwächen spartanischer Kriegsführung.

Nikomedes, der spartanische Regent für den unmündigen König Pleistoanax, zog mit großer Heeresmacht durch Boiotien. Er hatte 1500 Mann des spartanischen Bürgerheeres und 10000 Schwerbewaffnete des Peloponnesischen Bundes dabei. Die Aufgabe des Heeres hatte wohl darin bestanden, die in der Landschaft Doris eingefallenen Phoker zum Rückzug zu bewegen. Anscheinend hatte es genügt, das Heer aufmarschieren zu lassen. Man konnte die Phoker ohne Schlacht dazu bewegen, sich aus Doris zurückzuziehen. Auf dem Rückweg zeigte man auch in Boiotien Stärke, nachdem bereits einige Bündner Spartas zu Athen übergegangen waren. Das Heer rastete bei Tanagra, verdächtig nahe an der attischen Grenze. Athen rückte mit voller Hoplitenmacht an. Das athenische Heer umfasste auch Hopliten des Seebunds und 1000 Mann aus Argos: insgesamt 14000 Schwerbewaffnete. Dazu kam eine Truppe thessalischer Reiter. Es standen sich also an die 26000 Hopliten gegenüber.

Der Ablauf der Schlacht lässt sich nicht mehr rekonstruieren, aber nach Thukydides sind die thessalischen Reiter zu den Spartanern übergegangen. Das kann heißen, dass sie die Athener betrogen, aber auch schlicht, dass sie sich ergaben. Jedenfalls gewannen die Peloponnesier den Zusammenstoß. Beide Heere hatten schwere Verluste und zogen weiter nach Hause.

Der weitere Verlauf des Geschehens zeigt die unterschiedlichen Vorstellungen der Spartaner und Athener über den Kriegt. Die Spartaner nutzten ihren Sieg nicht strategisch aus. Die Athener zogen sich in ihr Land zurück und fielen kurz darauf wieder in Boiotien ein, d.h. in Spartas Augen erkannten sie ihre Niederlage nicht an, sondern karteten nach, obwohl sie sich als die Schwächeren erwiesen hatten. Strategisch wurde die athenische Aktion ein voller Erfolg. Man besiegte das Heer der Boioter bei Oinophyta und besetzten ganz Boiotien. Auch Phokis und Lokris brachte Athen unter Kontrolle, sodass es sich nun als mittelgriechische Landmacht darstellte. Auch in der Folgezeit eilten die Athener von Sieg zu Sieg. Die Spartaner dagegen verhielten sich ruhig. Nicht nur halfen sie den Boiotern nicht, sie mussten sich auch demütigende Attacken der Athener gegen die Küsten der Peloponnes gefallen lassen und verloren in den Folgejahren einige Bündner z.T. durch athenische Eroberungen, z.T. durch Abfall. Sie waren einer längeren Auseinandersetzung (noch) nicht gewachsen, ihr gesamtes militärisches Streben war noch dem agonalen Prinzip der klärenden Feldschlacht verpflichtet, was sich zusehends als unzeitgemäß und erfolglos herausstellte.

Athen wurde erst durch seine Niederlage gegen die Perser in Ägypten 454 gebremst, ging dann 451 einen fünfjährigen brüchigen Waffenstillstand mit Sparta ein und erst eine vernichtende Niederlage gegen die Boioter, die 446 zum Verlust des Festlandgewinns von Oinophyta führte, ließ die beiden Opponenten zu einem etwas stabileren Frieden kommen.

Die Verluste seit 464 waren für Sparta verheerend gewesen, vielleicht hatten sie schon das Ende der spartanischen Stärke eingeleitet: das Erdbeben, der Helotenaufstand, möglicherweise ein verlorenes Gefecht bei Oinoe und nun die verlustreiche Schlacht bei Tanagra. Schon vor Tanagra hatte man sehr lange gezögert, das Heer einzusetzen. Und auch danach wartete man jahrelang bis zum nächsten Einsatz. Der Vorstoß nach Athen 446 führte dann auch nicht zur Schlacht, König Pleistoanax schonte gegen starken inneren Widerstand die Kräfte des Bürgerheers.

In der Zeit kurz vor oder nach der Schlacht bei Tanagra scheint eine Änderung in der Organisation des spartanischen Bürgerheeres stattgefunden zu haben, bei der die bislang getrennt kämpfenden Formationen der Spartiaten und Perioiken in gemeinsame Einheiten zusammengefasst wurden. Es blieb nur jeweils eine reine Einheit übrig: die Skiriten bei den Perioiken und die Hippeis bei den Spartiaten.

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