Leuktra 371


Verlust der Hegemonie

Im Jahre 371 war der boiotische Bund schon so stark, dass er selbstbewusst in Spartas innere Angelegenheiten hereinsprechen zu können glaubte und die Führungsmacht Theben exekutierte kleine Poleis in Boiotien physisch, die sich dem Bund nicht anschließen wollten. Sparta hingegen sah sich bereits so schwach und bar von Verbündeten, dass es freiwillig seine Harmosten abzog und so die bevormundeten Poleis freigab und sich dem allgemeinen Ideal der Autonomie der Gemeinwesen fügte. Die Verhandlungen in Sparta über einen allgemeinen Landfrieden scheiterten durch unterschiedliche Ansichten über die Autonomie der griechischen Poleis und Theben sah sich mit seinem boiotischen Bund isoliert.

König Kleombrotos (Agiade) marschierte als Feldherr mit einer Armee nach Boiotien, richtete dort einigen Schaden an und wurde bei Leuktra vom Bundesheer gestellt. Die Spartaner waren mit vier Morai zu 35 Jahrgängen zugegen, dazu die Hippeis, was eine Sollstärke von ungefähr 4800 ergibt. Dazu kamen ungefähr 1000 Reiter aus Lakedaimon, Phleius und Herakleia, ferner Peltasten aus Phokis und Söldner, wohl aus der Kasse des Peloponnesischen Bundes bezahlt. Möglicherweise hatten auch einige Bündner Bürgerhopliten geschickt, allerdings wird das ebenso nirgends erwähnt wie die Anwesenheit von Neodamodei oder den Skiriten. Plutarch schreibt von insgesamt 10000 Hopliten auf spartanischer Seite. Die Boioter standen wohl mit ihrem gesamten Kontingent von 7000 Hopliten, davon 4000 aus Theben, und 700 Reitern zur Stelle, hatten aber keine Verbündeten und von Leichtbewaffneten ist nicht die Rede. So scheinen die Spartaner zahlenmäßig im Vorteil gewesen zu sein.

Sie standen 12 Reihen tief und wie gewohnt auf dem rechten Flügel ihrer Phalanx, die Thebaner aber an die 50 Reihen tief, vermutlich mit der 300-köpfigen Elite der Heiligen Schar in den ersten Rängen und ganz links in der Schlachtreihe. Seit 424 bei Delion hatten die Thebaner die massive Tiefenstaffelung kultiviert und der Feldherr Epameinondas hatte sie genau den Spartanern gegenüber aufgestellt, um den Gegner dort zu schlagen, wo er sonst zu siegen gewohnt war.

Nach einem Vorgeplänkel des spartanischen linken Flügels, der einzeln abziehende Gruppen des Gegners bestürmte, rückten die Thebaner schief nach links vor und ließen dabei den eigenen rechten Flügel gestaffelt langsamer marschieren. Dieser konnte so aus dem Feindkontakt herausgehalten werden und nicht zu einer Gefahr für die Thebaner werden, wenn er umfasst und überwältigt vom Gegner aufgerollt würde.

Als Kleombrotos die Linksbewegung erkannte, löste er Truppen vom linken Flügel des Bürgerheeres heraus, ließ sie wenden und hinter der eigenen Formation nach rechts marschieren, um dort den Flügel zu verlängern. Er versuchte wohl das, was Agis in Mantineia vorhatte und was schon dort nicht perfekt klappte: Männer von einer Seite aus den Morai nach der anderen verschieben (hier von links nach rechts); die Flanke verlängern, um den Gegner umfassen zu können (evtl. auch, um die eigene Schlachtreihe tiefer zu staffeln). Um das Manöver optisch zu verdecken, schickte er die Kavallerie los, damit diese Staub aufwirble und den Gegner beschäftige.

Aber auch hier wie in Mantineia bekamen die Spartaner das entstandene Loch in der Front nicht zu. Der linke Flügel sollte die entstandene Lücke schließen. Das gelang nicht, vielleicht weil die spartanische Kavallerie, nachdem sie von der thebanischen verjagt wurde, durch die Lücke floh und so die Hopliten nicht in die Lücke rücken konnten.

Nun kam der schmale, tiefe thebanische Rammsporn heran. Die Heilige Schar löste sich aus der Formation, erhöhte das Marschtempo und umfasste den spartanischen Flügel links und noch während das Verlängerungs- oder Verstärkungsmanöver der Spartaner lief. Gleichzeitig krachten die anderen Thebaner von vorne genau dort in die spartanische Reihe, wo der König stand, der sofort verwundet wurde. Die Spartaner hätten nur dann eine Chance gehabt, wenn sie ein Umfassungsmanöver erfolgreich abgeschlossen hätten, aber der König konnte es nicht mehr anleiten und anscheinend ist auch der Polemarch an seiner Seite sofort gefallen. Die Hippeis stürzten sich vor den sterbenden Kleombrotos, damit er geborgen werden konnte und fielen wie die Fliegen, anscheinend so gut wie alle.

Kurze Zeit hielt die spartanische Linie, dann lösten die Morai sich vom Feind – was bei dem üblicherweise langsamen Marschtempo der Spartaner wohl nur Flucht bedeuten kann – und auch der linke Flügel, der mit den restlichen Boiotern gar nicht handgemein geworden war, zog sich zurück. Die Spartaner hatten laut Xenophon 1000 Lakedaimonier verloren, davon 400 der 700 anwesenden Spartiaten. Diodorus und Pausanias nennen 300 tote Thebaner, davon 47 aus der Heiligen Schar.

Das Ergebnis war verheerend: Sparta gestand die Niederlage ein und holte unter einem Vertrag seine Toten vom Feld. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit einer großen spartanischen Armee in offener Feldschlacht war dahin, die Bündner verloren ihre Angst vor einer Rache der Spartaner und der Peloponnesische Bund zerfiel. Ein Jahr später erschien ein thebanisches Heer vor Sparta, im darauf folgenden Jahr wurde Messenien unabhängig. Sparta hatte aufgehört, griechische Großmacht zu sein. Endlich, denn Spartas Position in Griechenland war schon lange ein großer Bluff: Die Heeresstärke bzw. Anzahl der Spartiaten war eigentlich nie hinreichend, um die Rolle als hellenischer Hegemon auszufüllen, die es lange Zeit spielte. Der Verlust von über der Hälfte der Spartiaten des Heeres bedeutete den Tod von ungefähr einem Drittel der Vollbürger. Nahezu alle Jünglinge waren tot, die Hippeis wurden nicht mehr aufgestellt – es gab keine 300 unter 30-jährigen Spartiaten mehr. Das Ergebnis zeigt auch, wie es um das Bürgerheer bestellt war. In den Enomotien der Morai dienten von einer Sollstärke von 36 Plätzen durchschnittlich drei bis vier Vollbürger – die Spartiaten stellten in den Einheiten nicht einmal mehr ein Gerüst dar.

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